Zwischen Bühne, Studio und Studium



Viele Menschen, die es in das nordrhein-westfälische Siegen verschlägt, versuchen den Aufenthalt dort so kurz wie möglich zu gestalten. Ganz anders ist es bei Mohamend El-Chartouni, der im Alter von vier Jahren während des Bürgerkriegs im Libanon mit seiner Familie nach Südwestfalen kam und dort eine zweite Heimat gefunden hat. Wenn er über Siegen spricht, fällt oft das Wort „Routine“.


Mohamed ,B.E.‘ El-Chartouni Foto: Rubin Music

Er meint damit einen gewissen Rhythmus, den diese Stadt für ihre Bürger parat hält. Da das Angebot für junge Menschen hier nicht so groß ist, leben die meisten zwischen wiederkehrenden Terminen.


Discobesuche im Meyer oder Plan B bilden die Eckpfeiler ihrer Woche. Mohamed ist dort nur selten anzutreffen. Ihn verschlägt es meist in das Shisha-Café Smokes, das ein alter Schulfreund von ihm vor einem Jahr eröffnet hat. Mit Turnschuhen, einer weiten Jeans, T-Shirt und einer seiner zahlreichen Base-Caps bekleidet, trifft man ihn dort meist abends im Kreise seiner Freunde bei einer Wasserpfeife.


Seine Kleidung verrät schon im ersten Moment seine Attitüde für Hip Hop-Musik. Eine Musikform, die ihn so stark in ihren Bann gezogen hat, dass er vor gut zehn Jahren selbst die ersten musikalischen Schritte im Bereich Rap unternahm. Damals hätte er sich nie träumen lassen, einmal so bekannt damit zu werden wie er jetzt ist.


Mit der Zeit kamen jedoch die Anerkennung und der Erfolg, sodass spätestens seit seinem Solodebüt ‚Sein oder Nichtsein‘, das im vergangen Jahr über das Siegener Musiklabel Rubin Music erschien, sein Alias ‚B.E.‘ in der deutschen Hip Hop-Szene bundesweit ein Begriff ist. „Am Anfang haben wir Mucke gemacht, weil wir da Bock drauf hatten. Wir hatten doch noch keinen Plan, wie man vernünftig aufnimmt oder abmischt. Im Prinzip waren wir ja noch Kinder“, beschreibt er seine ersten musikalischen Versuche.


Heute trägt er den selbstgewählten Beinamen ‚Micathlet‘, der auf den Titel einer seiner ersten Songs zurückgeht. Um sich allerdings den Grad eines Athleten am Mikrophon zu verdienen, muss aus seiner Sicht das Zusammenspiel aus Technik, komplexen Reimen, Flow und Inhalt überzeugen.


„Jeder Zweite glaubt doch mittlerweile, dass er rappen kann. Doch nur einer unter Tausend ist wirklich ein guter Rapper“, reflektiert Mohamed die heutige Hip Hop-Szene. Wenn er Geschichten aus seiner Anfangszeit erzählt, macht er einen verträumten Eindruck. Der Enthusiasmus und die Freude von damals sind spürbar.


Es sind Geschichten, die so kaum jemand erlebt haben dürfte und die Erfahrungen mit sich brachten, die er heute nicht missen möchte. „Wie viele Menschen können von sich behaupten mit Sido und Bushido auf Tour gewesen zu sein? - Wir schon“, sagt er begeistert: „Das muss so 2004 gewesen sein, kurz bevor Aggro Berlin richtig durchstartete.“


Er beschreibt es als eine verrückte Zeit, in der es weder für ihn noch für seine Jungs größere Probleme gab, sondern einfach nur die Musik zählte. Es war eine Zeit, in der sie zu sechst in einem Opel Kadett quer durch Deutschland fuhren, um irgendwo als Vorgruppe zu spielen. Als Vorgruppe für zwei der heute erfolgreichsten Rapper Deutschlands. Neid oder Missgunst gegenüber kommerziell erfolgreicheren Künstlern verspürt er dabei nicht. Mohamed ist gläubiger Moslem und vertraut darauf, dass Gott den richtigen Weg für ihn vorherbestimmt hat.


Zudem ist er mehr als zufrieden mit dem, was er und die Mitglieder seiner Crew Rapresidentz bis heute erreicht haben. „Hätte mir damals jemand gesagt, dass die JUICE über mich berichten würde, hätte ich ihn ausgelacht“, zieht er eine durchaus positive Bilanz.


Traurig stimmt ihn allerdings, dass diese Leichtigkeit von damals verflogen zu sein scheint. „Meine Triebfeder ist immer noch die Liebe zur Musik, aber die Zeiten sind schwieriger geworden“, stellt er etwas ernüchtert fest. „Wenn du erst einmal richtig arbeiten gehst, fehlt dir meist die Zeit, um dich richtig in deine Musik hineinzuknien und dann kannst du es fast schon sein lassen.“


Als Student kann Mohamed sich den ‚Luxus Musik‘ aktuell noch leisten und arbeitet mit seinem Produzenten Arves an einer EP sowie seinem zweiten Soloalbum, dass im Frühjahr 2011 erscheinen soll.


Die Bedeutung von Musik geht für Mohamed jedoch über seine eigene Liebe zu ihr weit hinaus: „Musik hat eine integrative Wirkung und ist Bindeglied über kulturelle und staatliche Grenzen hinaus.“ Seine eigene Crew ist ein gutes Beispiel dafür, denn in ihr fanden acht Nationalitäten - von Deutschen über Russen und Türken bis zu Algeriern und Libanesen - zueinander. Ihre persönliche Entwicklung beschreibt er auf einem Song ihres Albums „Zum greifen nah“ sehr passend mit den Worten „von Musikkollegen zu Freunden und diese sind zu Brüdern geworden“.


Integrationsprobleme in Deutschland hatte weder Mohamed noch einer seiner beiden Brüder und die Musik hatte sicher einen gewissen Anteil daran. Deutschland hat ihnen eine neue Heimat gegeben, so dass es für sie eine Selbstverständlichkeit ist, dass während der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika auch wieder Deutschlandflaggen an ihrem Auto wehen. Sein Wissen um die Kraft der Musik trug einen großen Teil zum Entschluss bei, Soziale Arbeit zu studieren. Für ihn bietet es das perfekte Berufsbild, um seine Erlebnisse und E rkenntnisse anderen jungen Menschen weitergeben zu können. Schon seit ein paar Jahren arbeitet er neben seinem Studium in verschiedenen sozialen Einrichtungen und bietet Rap-Workshops an, die sowohl bei den Teilnehmern als auch bei den Sozialarbeitern sehr gut ankommen.


„Das positive Feedback von beiden Seiten bestärkt mich in der Annahme, dass sich sowohl mein Berufsbild als auch meine Musik wunderbar kombinieren lassen. Rap-Musik hat ein zu schlechtes Bild in der Öffentlichkeit, weshalb viele Menschen vergessen haben, dass diese Musik auch ein Kanal für Probleme sein kann“, sagt er. Es ist an der Zeit dies sowohl auf CD als auch direkt vor Ort bei den Jugendlichen zu ändern.


Aktuelle Informationen zu Mohamed ‚B.E.‘ El-Chartounis musikalischem Schaffen gibt es auf seiner Facebook- Seite http://www.facebook.com/micathlet oder auf seiner Website http:// www.micathlet.de .


Von Stefan Schwenzfeier