No Sex, no Drugs, but Rock'n'Roll: Straight Edge


jo Mohamed ,B.E.‘ El-Chartouni

Eine US-amerikanische High- School im Jahr 2010. Die Schüler sitzen im dunklen Versammlungssaal und folgen gebannt den Erzählungen des Redners und seiner Powerpoint-Präsentation. Der Mann auf der Bühne sieht aber nicht wie eine Autoritätsperson oder ein Lehrer aus. Mit T-Shirt, den Armen und den Hals voller Tattoos und seiner Kappe mit der Aufschrift "PMA" macht er eher den Eindruck, Mitglied einer Gang zu sein. Toby Morse ist Sänger der New Yorker Hardcore- Punk-Band H2O. Im Moment tourt er ohne seine Gruppe durch amerikanische High-Schools und erzählt dort den Kindern von seinen Erlebnissen und seinem Lebensstil. Allerdings ist der nicht so, wie man sich das Leben eines richtigen Rockers vorstellt: Toby ist straight edge.


Während in Zeiten von Amy Whinehouse und Pete Doherty der Lifestyle von Sex, Drugs & Rock'n'Roll stetig aufrechterhalten wird, bietet sich in einer entfernten Ecke der Rockmusik ein anderes Bild. Besonders in der Hardcore-Szene findet sich eine Bewegung, die diese Lebenseinstellung ablehnen: Anhänger des sogenannten Straight Edge trinken nicht, rauchen nicht, nehmen keine Drogen und haben keine wechselnden Sexualpartner.


Diese Einstellung reicht in das Ende der 70er Jahre zurück. Während bei vielen Anhängern der Punkszene der Slogan "No Future" und die damit verbundene Selbstzerstörung mit Alkohol und Drogen vorherrschte, wollten andere Jugendliche Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Als die Musikrichtung Hardcore sich aus dem Punk entwickelte, schlossen sich viele Bands und Anhänger diesem verantwortungsbewussten Lebensstil an. Anfang der 80er Jahre gab die Band Minor Threat mit ihrem Song "Straight Edge" dieser Einstellung einen Namen und formulierte im Lied "Out of Step" die Grundgedanken der Bewegung: "Don't smoke - Don't drink - Don't fuck - At least I can fucking think" Diese Prinzipien gelten als Verkörperung des Respekts vor dem eigenen Geist und Körper sowie dem anderen Geschlecht. Einige Edger erweitern diese Regeln für sich und leben als Vegetarier oder Veganer.


Auch das Erkennungsmerkmal des Straight Edge stammt aus den frühen 80er Jahren. Damals wurde bei Konzerten Minderjährigen ein Kreuz auf die Hand gemalt, damit sie an der Bar keinen Alkohol bestellen konnten. Dies greifen die Edger auf und benutzen das schwarze Kreuz auf dem Handrücken bis heute als ihr Zeichen.


Viele Anhänger halten sich jahrelang an die Prinzipien, einige sogar ihr ganzes Leben. Auch noch 30 Jahre nachdem Minor Threat "I´ve got the Straight Edge" verkündeten, pulsiert die Szene durch viele junge Anhänger und Bands. Nichtsdestotrotz gibt es das Phänomen der Edgebreaker, die der Entsagung den Rücken kehren. Als die Gorilla Biscuits, eine Edge-Band der ersten Stunde, vor ein paar Jahren auf Reunion- Tour waren, kamen die Bandmitglieder mit Bier auf die Bühne. Toby ist bereits seit den frühen Achtzigern Straight Edge. In den Schulen predigt er über seinen Lebensstil und die PMA (Positive Mental Attitude), um die Schüler dort vor Drogen- und Alkoholmissbrauch zu bewahren. Als er gefragt wird, ob er niemals Alkohol oder Zigaretten probiert habe, antwortet er "Not one time", nicht ohne Stolz in der Stimme.


Von Maik Seete