Tinte statt Pixel


Wozu noch Zeitungen im digitalen Zeitalter?


Auch die lokale Bindung von Zeitungen fällt häufig weg, da sich viele Menschen nur für einen begrenzten Zeitraum an einem Ort aufhalten und deswegen ein Lokalteil uninteressant wird. Die ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation ergab, dass sich die Deutschen im Durchschnitt etwa 600 Minuten am Tag also 10 Stunden den Medien widmen. 1980 hatte dieser Wert noch bei etwa der Hälfte gelegen. Durchschnittlich 28 Minuten gelten der Zeitung und jeweils fast vier Stunden dem Fernsehen und dem Hörfunk. Die Zeitung ist das einzige Medium mit sinkenden Werten. Das zeigt, dass die neuen Medien wie Fernsehen und Internet den Lesern anscheinend etwas bieten können, das die Zeitung nicht mehr kann.


Gegen diese These spricht jedoch das Rieplsche Gesetz von 1913. Es besagt, dass kein neues und höher entwickeltes Medium ein altes vollständig verdrängen kann. Jedoch ist das alte Medium dazu gezwungen, sich zu verändern, mit der Zeit zu gehen und sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Somit sind auch Tageszeitungen dazu gezwungen, sich zu verändern und andere Verwertungsgebiete zu suchen.



Doch gibt es noch immer ein paar Mutige, die in diesen Zeiten ein neues Printprodukt entwickeln wollen. Stefan Aust, Autor, Journalist und früherer Spiegel-Chefredakteur, plante dieses Jahr mit der WAZ und dem Axel Springer Verlag ein neues Wochenmagazin auf den Markt zu bringen. Beide Verlage stiegen allerdings vor kurzem aus dem gemeinsam geplanten Projekt aus, als Begründung nannten sie die gegenwärtige wirtschaftliche Lage. In einem Interview mit der F.A.Z. wird deutlich, dass Aust an sein Projekt und an guten Journalismus glaubt und dass er das Wochenmagazin mit weiteren Partnern trotz der Rückschläge realisieren will. Inzwischen ist Aust neuer Mitgesellschafter von N24 und darf Teile des Projektes dort einbringen. Doch warum sollte man überhaupt das Medium Zeitung erhalten? Ist es noch lohnenswert, ein neues Printprodukt auf den Markt zu bringen? Ist Qualitätsjournalismus überhaupt noch ein funktionierendes Geschäftsmodell?


Haben die neuen Medien, wie zum Beispiel das Internet, genügend Vorteile gegenüber der gedruckten Zeitung, so gibt es auch Nachteile. 'Jeder Empfänger kann heute auch ein Sender sein' - wird stets als Argument zugunsten des Internets verwendet. Doch der unbegrenzte Zugang zu Publikationsmöglichkeiten bringt schwerwiegende Probleme mit sich. Nicht immer kann man sich auf Informationen aus dem Internet verlassen. Es gehört Medienkompetenz dazu, um einschätzen zu können, welche Inhalte wahrheitsgemäss sind und welche nicht. Zeitungen hingegen sollten ihre Inhalte vor Veröffentlichung redaktionell prüfen, denn sie verfolgen neben ihren unternehmerischen Absichten auch publizistische Ziele und sind auf den Wahrheitsgehalt ihrer Informationen angewiesen.


Das ist möglicherweise einer der Gründe dafür, warum das Medium Tageszeitung in der Langzeitstudie Massenkommunikation des ARD/ ZDF zum Thema Glaubwürdigkeit stets den ersten Platz belegt. Des Weiteren werden die Inhalte einer Tageszeitung von professionellen Journalisten erstellt, die ihren Beruf erlernt haben und journalistische Sorgfaltspflichten beachten. Qualitativ hochwertiger Journalismus ist gekennzeichnet durch fachliche Kompetenz, Aktualität, Originalität, eine kritische Recherche und Faktentreue. Fehler gelten als Ausnahmen und werden im Idealfall berichtigt. Auch die Trennung von objektiver Berichterstattung und persönlicher Meinung ist wichtig. Weiterhin sind die Zugänge zu Ereignissen und Informationen oftmals ausschliesslich professionellen Journalisten vorbehalten, zum Beispiel durch Presseausweise, Akkreditierungen, Einladungen und Interviews.


Technische und rechtliche Barrieren sind gesunken, wodurch die Informationsflut im Internet nicht mehr manuell zu bewältigen ist. Das führt dazu, dass die Rezipienten stets selbst für die Informationsprüfung und auch -selektion verantwortlich sind. Zeitungen bieten einen nützlichen Service, da sie ihren Lesern diese Aufgaben abnehmen.


Eine amerikanische Studie fand heraus, dass traditioneller Journalismus im Gegensatz zu Weblogs vor allem in den Punkten Tiefe der Themenbehandlung, Richtigkeit und Relevanz der Informationen sowie Neutralität gewinnt. Verloren hat der traditionelle Journalismus in den Punkten leichter Zugang der Nutzer zu den Autoren, Aktualität, Persönliche Perspektive des Autors, Meinungsvielfalt und Unterhaltsamkeit. Dies zeigt, dass jedes Medium jeweils Vor- und Nachteile hat und unmöglich alle Kriterien erfüllen kann.


Das Rieplsche Gesetz trifft offenbar auch auf die Printprodukte zu, denn vermutlich werden sie sich verändern und an die neuen Gegebenheiten anpassen. Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe Essen, sagt dazu in einem Interview: "Die Gutenbergs von heute werden neue Techniken erfinden, neue Organisationsformen und Verbreitungswege. [...] Aber wo es drauf ankommt, wo es um verlässliche Information, abgewogenes Urteil und Orientierung auf schwierigem Terrain geht, wird sich Qualität behaupten." Andreas Tyrock, Chefredakteur des Bonner General-Anzeigers, erinnert an die Ursprünge und Aufgaben der Zeitung, und zwar die Leser zu informieren und zu unterhalten, zu deren Meinung beizutragen und den Mächtigen auf die Finger zu schauen.


Von Katrin Engel