Jäger der verlorenen Plastikdose


Mit dem Navigationsgerät Schätze in der freien Natur ausfindig machen - deutschlandweit gehen rund 30.000 Menschen diesem Hobby nach.


Warum läuft ein junges Pärchen mit suchendem Blick durch den Wald und schreit "400 Meter in diese Richtung"? Warum stolpert plötzlich ein älterer Mann mit einem piepsenden Gerät in der Hand aus dem Unterholz, und warum rennt eine vierköpfige Familie zielstrebig auf einen Baum zu und versucht hinaufzuklettern? Sie alle suchen einen Schatz. Nur dass sie dafür keine vergilbte Karte, sondern ein handygroßes Gerät nutzen und der Schatz kein glänzendes Gold ist, sondern eine Plastikdose, gefüllt mit allerlei Krimskrams.


Geocaching nennt sich diese neue Trendsportart für den Abenteurer des 21. Jahrhunderts. Sie kommt aus den USA und hat in den vergangenen Jahren rund um den Erdball immer mehr Anhänger gefunden. Aber was genau hat sich der Muggel, der Unwissende, wie ihn die Geocacher in Anlehnung an Harry Potter nennen, unter dieser modernen Form der Schatzsuche vorzustellen?


Geocacher verstecken überall in der Natur kleine Schätze, bestimmen mit einem GPS-Gerät die geographischen Koordinaten des Verstecks und veröffentlichen sie im Internet. Andere Geocacher können dann anhand ihrer Postleitzahl erfahren, welche Schätze in der Region verborgen liegen. Die Längen- und Breitengrade müssen dann nur noch in ein Navigationsgerät eingegeben werden. Wird das Gerät nun mit den Koordinaten gefüttert, führt es per Satellitenortung und durch Angabe der Entfernung bis zum Fundort sowie der einzuschlagenden Laufrichtung zum Ziel. Nachdem die modernen Jäger des verlorenen Schatzes ihre Wanderung durch die unterschiedlichsten Gelände zurückgelegt haben, müssen sie am Fundort suchen, graben und Baumhöhlen, Mauerlöcher und Steine inspizieren, bis sie das eigentliche Versteck gefunden haben. Und was genau findet der schatzsuchende Schnitzeljäger nun nach getaner Arbeit? Lohn seiner Mühe ist meist ein Plastikbehälter, der viele kleine Tauschobjekte enthält, wie Schlüsselanhänger, Flummis, Batterien oder eine CD. Die Regel lautet: Jeder, der etwas entnimmt, hinterlässt seinerseits dem nächsten Schatzsucher eine gleichwertige Überraschung. Außerdem finden die glücklichen Entdecker neben einer Wegwerfkamera, mit der sie ein Foto von sich schießen dürfen, auch ein kleines Logbuch, in dem sie sich verewigen können.


GPS-Gerät: Hilfsmittel für den modernen Schatzsucher

Hat der Geocacher besonders viel Glück, findet er zusätzlich einen sogenannten Travel-Bug (Reisekäfer), beispielsweise ein Plüschtier, das anhand einer Registriernummerplakette genau identifiziert werden kann. Das kann er mitnehmen und wenn er seinen nächsten Schatz findet, dort wieder ablegen.


Im Internet wird dann vermerkt, wo der jeweilige Travel- Bug hingebracht wurde, damit die anderen Geocacher seine Reise mit verfolgen können. Nachdem ein Schatz gehoben wurde, muss er schließlich gut getarnt an seine ursprüngliche Stelle zurückgelegt werden, damit ihn auch andere Abenteurer finden können. Wer jetzt denkt, Geocaching sei ein einfaches Such- und Findespiel, der hat sich getäuscht. Die Schatzsuche per GPS basiert auf fünf unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen.


Während bei den 'leichten' Caches, eine entspannte Wanderung durch Wald und Wiesen zum Objekt des Begehrens führt, befinden sich andere Verstecke in einer Steilwand, auf dem Grund eines Teiches oder sechs Meter tief in der Nordsee. Um einen Schatz der höheren Stufen zu bergen, müssen die Schatzsucher dann schon mal mit Taucherbrille und Schnorchel auf Entdeckungstour gehen oder mit Bergsteigermontur die Wände hochkraxeln. Aber nicht nur der Körper, auch der Geist wird beim Geocaching gefordert.


Bei einer regelrechten Schnitzeljagd müssen sich die Abenteurer durch das Lösen von kniffligen Rätselaufgaben von Station zu Station hangeln, um zum endgültigen Ziel zu gelangen. Dies sind die sogenannten Multi-Caches. Dabei markieren die ersten Koordinaten nur einen Ort, an dem ein Hinweis auf eine nächste Koordinate entschlüsselt werden muss. So wird man beispielsweise an einen Schuppen geführt, wo die Zahl der Türnägel, eingesetzt in eine mathematische Formel, die nächste Koordinate ergibt.


Geocaching eignet sich für alle, die Freude an der Natur, an Bewegung und am Abenteuer haben, und für diejenigen, die dem Couch-Potato-Dasein endlich ein Ende bereiten wollen, denen aber das einfache Spazieren gehen doch zu langweilig ist. Geocaching ist Wandern, gewürzt mit Spiel, Spaß und Spannung. Frische Luft und Bewegung sind garantiert, und man wird sogar dafür belohnt, wenn auch nur mit einem Eiskratzer oder Flummi. Dass das Outdoor-Hobby mittlerweile eine echte Trendsportart ist, zeigt die exponentiell wachsende Zahl der Verstecke rund um den Globus. In Deutschland sind derzeit 27.608 aktive Caches auf opencaching.de verzeichnet.


Aber auch in kalifornischen Wäldern, am Nordpol oder in der australischen Steppe, wandern Menschen mit einem GPS-Gerät in der Hand umher und suchen kleine Plastikdosen. Selbst in der libyschen Wüste in einer Sanddüne soll ein Schatz versteckt sein.


Wer es versuchen möchte, der gibt einfach die Koordinaten N 27° 33,818 und E 9° 54,403 in sein Navigationsgerät ein und los geht`s.


Von Alica Pötz