Diplomaten auf Zeit


Studenten beim größten UN-Planspiel der Welt in New York


New York, Times Square, Marriott Marquis Hotel, Westside Ballroom. “We now suspend the meeting for a caucus of 90 Minutes!” Hunderte junger Menschen in feinen Anzügen und schicken Kostümen springen auf, rufen wild durcheinander und reißen ihre Plaketten in die Luft. Auf diesen stehen Ländernamen.


Der junge Mann mit der Togoplakette blickt gehetzt umher und schreit immer wieder „African Union! ECOWAS!“ bis schließlich Ghana und Mali neben ihm auftauchen. Hände werden geschüttelt, Visitenkarten ausgetauscht. Es folgt ein kurzes Abtasten: „Do you prefer ICT or financial crisis?“ - “Definitely financial crisis!”


saal Abschlusszeremonie in der UN-Generalversammlung Foto: Julia Lis

Es sind skurrile Szenen, die sich in diesen fünf Tagen im Herz der Weltmetropole abspielen und für Außenstehende wirkt die Situation vielleicht eher wie ein Basar verwirrter Anzugträger.


Dahinter steckt allerdings die erste Sitzungsunterbrechung der NMUN, National Model United Nations. NMUN ist die Simulation einer Konferenz der Vereinten Nationen. Über 4000 Studenten aus den verschiedensten Ecken der Welt reisen jedes Jahr an die Ostküste der Vereinigten Staaten, um die Arbeit der UN nachzustellen. Die Konferenz in New York ist die größte UN-Simulation dieser Art und gilt durch die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und die Nähe zum UN-Hauptquartier als besonders realitätsnah.


Es sind auch mehrere deutsche Universitäten mit eigenen Delegationen vertreten und die werden mit viel Geld unterstützt; in der Hoffnung, dass hier die Studenten Kommunikationsfähigkeit, Sprachkenntnisse, Verhandlungsgeschick, Projektmanagement, interkulturelle Kompetenz erweitern, die Liste ließe sich lange fortsetzen. Der Druck auf Universitäten, sich international zu profilieren, wächst und ein Projekt wie die NMUN ist dafür als Aushängeschild prädestiniert. Alleine die FU Berlin schickt zwei Delegationen mit insgesamt fast fünfzig Studenten ins Rennen. Es stellt sich die Frage, ob die Konferenz den hohen Ansprüchen gerecht werden kann. Was passiert in einem solchen Projekt, welche Erfahrungen machen die Studenten?


Die Vorbereitungen an den Universitäten beginnen bereits über sechs Monate vor der eigentlichen Veranstaltung. „Wir mussten versuchen Drittgelder zu sammeln, da die Kosten nicht komplett von der Universität getragen werden können. Außerdem war die Öffentlichkeitarbeit wichtig, um den Bekanntheitsgrad des Projektes in der Region zu steigern“, erklärt Moritz Bäuml aus der Delegation der Universität Siegen, und ergänzt: „Daneben spielt natürlich die inhaltliche Vorbereitung eine große Rolle. Keiner von uns hatte eine genaue Vorstellung, was es heißt Togo in der UN zu vertreten.“ Neben einem Besuch der togolesischen Botschaft in Berlin standen mehrtägige Vorbereitungsseminare mit verschiedenen Experten auf dem Programm. Und auch der Ablauf einer UN-Konferenz muss gelernt werden. Es gibt exakt definierte Regeln, wie sich die Delegierten verhalten müssen, welche Formulierungen für bestimmte Anliegen angebracht sind. Der strikte Dresscode scheint da fast nebensächlich. Als Dehnübungen für das große Finale in New York nehmen die Studenten deshalb an verschiedenen kleineren Konferenzen in Deutschland teil. Dort werden erste Eindrücke gesammelt und langsam wird den Studenten klar worauf sie sich eingelassen haben. „Bei der IsarMUN in München war ich überrascht, wie ernst die Leute das Ganze nehmen. Die sind wirklich gut vorbereitet und wissen genau, was sie durchsetzen müssen, um ihr Land gut zu vertreten und wer ihre Verbündeten sind“, stellt die Siegenerin Laura Blomenkemper verblüfft fest. Die Messlatte bei der NMUN wird wohl noch um einiges höher hängen.


Die Delegation der Universität Siegen besteht aus 16 Studenten und jeder von ihnen musste sich in einem zweistufigen Bewerbungsverfahren gegen andere Bewerber durchsetzen. Langsam rückt die NMUN näher und es müssen sogenannte Position Papers erstellt werden, in denen die Position Togos zu den diversen Themen auf der Agenda der Sitzung formuliert werden. Die Arbeit scheint kein Ende zu nehmen.


Warum setzen sich die Studenten dieser Zusatzbelastung neben dem enggestrickten Bachelorstudium aus? „Es ist eine sehr intensive Vorbereitung, aber ich habe mich schon lange für internationale Politik interessiert und ich hoffe in New York einen realen Eindruck zu bekommen und internationale Politik live zu erleben. Auch um zu sehen, ob das für mich in Frage kommt. Es ist einfach mal was ganz anderes als der restliche Unialltag“, beschreibt die Sozialwissenschaftlerin Laura Blomenkemper ihre Motivation. Und die Tatsache, dass sie zehn Tage im prominent platzierten Marriott Marquis Hotel am New Yorker Times Square wohnen wird, hat als zusätzlicher Antrieb wohl auch nicht geschadet.


Endlich ist es soweit. Es ist der 29. März 2010. Alle Teilnehmer der NMUN sind inzwischen eingetroffen. Der erste Tagesordnungspunkt ist die Festlegung der Reihenfolge in der die verschiedenen Themen behandelt werden. Die Siegener Delegation erringt einen ersten Erfolg, als sie ihr Schwerpunktthema Finanzkrise als ersten Punkt auf der Agenda durchsetzen kann. Alleine das Agenda Setting dauert knappe vier Stunden, die Schwerfälligkeit des UN-Apparates kommt auch in der Simulation zum Tragen: Wo die Interessen von 192 Staaten aufeinander treffen, sind schnelle Entscheidungen rar gesät.


In den verbleibenden vier Tagen gilt es jetzt Resolutionen zu verabschieden, die die Position der Vereinten Nationen ausdrücken und Handlungsanweisungen an die Mitgliedsstaaten beinhalten. Die Rednerliste wird eröffnet. Fast ausnahmslos schnellen die Plaketten in die Höhe. Ab jetzt ist es ein Glücksspiel, in welcher Reihenfolge der Vorsitzende des Komitees die Länder auf der Liste einträgt. Die ersten Reden werden gehalten, dann ist es wieder soweit: „Australia moves for a suspension of the meeting for two hours for the purpose of an unmoderated caucus!“ – „This motion is in order!“ Die Sitzung wird für zwei Stunden unterbrochen, um den Delegierten Zeit zu geben, miteinander zu debattieren, Kompromisse zu schließen und an Resolutionen zu arbeiten.


Hier sind Ellbogen gefragt, denn wer sich nicht vehement einbringt, dessen Meinung fällt unter den Tisch. „Die Amis sind besonders aktiv und versuchen sich in den Vordergrund zu bringen, weil die oft für die Konferenz hier benotet werden. Da ist es manchmal gar nicht so leicht nicht unterzugehen“, stellt Birgit Korte aus der Siegener Delegation ernüchtert fest. Nach der Abschlusszeremonie in der UN-Generalversammlung sind dann auch alle Siegener vollkommen erschöpft, aber zufrieden. Die Resolutionen wurden weitgehend in ihrem Sinne verabschiedet. Natürlich wurden sie durch zahllose Kompromisse auf einen Minimalkonsens zurechtgestutzt. Eben genau so, wie es auch bei den echten Diplomaten, ein paar Straßenzüge weiter, meistens der Fall ist.


Aber wie ist diese Erfahrung jetzt zu bewerten? Ein Zeichen des wieder erwachenden Interesses junger Menschen an Politik? Oder ein wohlkalkulierter Absatz im Lebenslauf, um bei der nächsten Praktikumsbewerbung andere Bewerber matt aussehen zu lassen?


Es kann wahrscheinlich beides sein und letztendlich entscheidet jeder Teilnehmer selbst, was er aus der Konferenz mitnimmt. Sicher aber ist: eine vergleichbare Möglichkeit die eigenen Grenzen und Fähigkeiten auf internationalem Terrain auszuloten ist selten. Sicher ist aber auch: sich mit hunderten ehrgeizigen Studenten auseinanderzusetzen, ist nicht jedermanns Geschmack.


gruppe Die siegener Delegation bei einer Übungssitzung Foto: Julia Lis

Die Kosten für jeden einzelnen Teilnehmer sind relativ hoch und Sponsoren in Zeiten von Rezession und Schuldenkrise schwer zu finden. Eine Teilnahme sollte also wohlüberlegt sein, denn wer nur teilnimmt, um im Big Apple umher zu flanieren, wird enttäuscht werden. Ohne eine intensive Vorbereitung verpufft am Ende auch der Lerneffekt. „Um sich an den Debatten beteiligen zu können, muss man sich sehr gut auskennen.


Nicht nur mit dem Thema und dem eigenen Land, sondern auch mit den anderen Staaten. Sonst schließt man sich quasi selbst von den Debatten aus und sitzt am Ende nur stundenlang rum und wartet aufs Ende“, hält Moritz Bäuml fest.


Im nächsten Jahr geht die Konferenz in die nächste Runde und es werden wieder tausende Studenten aufeinandertreffen. Auch die Universität Siegen will wieder vertreten sein, wenn der NMUN-Generalsekretär verkündet: „I now call this meeting of the 2011 Model UN conference to order!“


Von Philipp Brandstädter