Melt!-Festival


Von leuchtenden Baggern und Schlaflosigkeit


kulturdennis1 Foto: Kai Müller / www.stylespion.de

Schon aus der Ferne ist der Anblick atemberaubend. Das bunte Lichterspiel spiegelt sich in der Wasseroberfläche des Sees. Wie Motten schwirren die Besucher des Festivals über einen Fußweg in Richtung der Scheinwerfer. Ein 15-minütiger Marsch bestimmt von Euphorie und Vorfreude auf die kommenden Stunden. Die immer lauter werdende Musik zaubert ein breites Grinsen in die Gesichter der Menschen. Schon weit vor den Eintrittstoren durchdringen die Jubelschreie die Nacht. Ein Schauspiel, das sich Jahr für Jahr wiederholt, wenn das Melt! Musikbegeisterte aus ganz Europa zum Tanz bittet.


Am Wochenende vom 17. bis zum 19. Juli 2010 wird das Festival zum 15. Mal seine Pforten öffnen und die Erwartung ist enorm. Es gilt 20.000 Besuchern das zu bieten, was das Melt! in der Vergangenheit auszeichnete: ein vielschichtiges, musikalisches Spektrum vor einer unvergleichlichen Kulisse. Mit großem Geschick und Sachverstand gelang es den Veranstaltern in der Historie des Festivals immer wieder Avantgarde mit Popkultur, elektronische Klänge mit Rock'n'Roll sowie den Underground mit dem Mainstream zu kombinieren.


Durch die Anpassung an den musikalischen Zeitgeist der Zielgruppe erhöhte sich dabei der Anteil der elektronischen Künstler kontinuierlich. Auch dieses Jahr ist das Line-Up durch Künstler wie Simian Mobile Disco, Ricardo Villalobos, Tiga oder Goldfrapp zu großen Teilen von elektronischer Musik in all ihren Variationen bestimmt. Doch mit Trip Hop-Bands wie Massive Attack, Rappern wie Dendemann oder Indiebands wie Shout Out Louds zeichnet sich das Programm des diesjährigen Melt!- Festivals wieder einmal durch die vielen Musikgenres und den Blick über den melodischen Tellerrand aus. Was das Melt! von anderen Festivals unterscheidet, ist der Charme der örtlichen Gegebenheiten. In der tiefsten Provinz Sachsen-Anhalts, unweit des verschlafenen Örtchens Gräfenhainichen, verwandelt sich für ein paar Tage im Jahr die Halbinsel des Gremminer Sees zu einer fantastischen Welt, fernab der Realität.


Das Terrain ist geprägt von riesigen Schaufelrad-Baggern, die bei Dunkelheit in ein Meer aus Lichtern getaucht werden. Von überall erstrahlen bunte Scheinwerfer und Projektionen, die das Festivalgelände und die Bühnen in eine surreale Neonlandschaft verwandeln, der sich das Auge kaum entziehen kann. Es scheint, als solle diese optische Überreizung den Besuchern verdeutlichen, dass hier ein anderer Tagesrhythmus herrscht.


Gesunder Schlaf ist wahrlich das Letzte, was man hier erwarten sollte. Zu vielfältig ist das Programm der späten Stunde, als dass überhaupt nur an eine geruhsame Nacht zu denken wäre. Zu verführerisch sind die Lichter, als dass man sich ihrem Bann entziehen könnte. Vor dem Sonnenaufgang begeben sich daher die Wenigsten zurück auf den Weg zum Zeltplatz.


Bei Tag verlischt die Magie dieses Ortes ein Stück weit, jedoch ohne dabei einen Drift in das Alltägliche zu machen. Die großen Bagger wirken ohne die bunte Beleuchtung viel bedrohlicher als in den Abendstunden. Don Quichotte hätte bei diesen stummen, grauen Riesen mit langen Hälsen und scharfen Kanten wohl die Lanze gezückt. 'Ferropolis - Stadt aus Eisen' wurde das Gelände getauft, das den bizarren Giganten zu Füßen liegt. Beinahe dreißig Jahre lang versorgte der Tagebau Golpa-Nord von hier aus umliegende Kraftwerke mit Braunkohle. Als das Vorkommen erschöpft war, wurden die tiefen Furchen, die der Abbau in die Landschaft zog, geflutet die Geburtsstunde des Gremminer Sees, der Ferropolis zu einer Halbinsel machte.


Die ausgedienten Maschinen standen kurz vor der Verschrottung, bis sich ehemalige Bergleute und Unterstützer aus dem Kreise des Bauhauses Dessau für den Erhalt der Bagger einsetzten. So entstand ein riesiges Freilichtmuseum, das zugleich als Kulisse für kulturelle Veranstaltungen dient. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Melt!-Festival vom Geheimtipp zur Großveranstaltung. Mit der Zahl der Besucher wuchs auch der Unmut über die Organisatoren, die vereinzelt mit den Anstürmen überfordert schienen. Trotz einer Begrenzung der Besucherzahl auf 20.000 Menschen scheint das Festival ein großes Stück seines Charmes und seines Charakters verloren zu haben. Dessen ungeachtet wird das Melt! auch dieses Jahr wieder für unzählige müde und dennoch funkelnde Augen sorgen.


Von Dennis Hofmann