MashUps - kriminell oder kreativ?


Djs mixen unterschiedliche Bestandteile von Songs und bewegen sich damit in einer rechtlichen Grauzone


Ob in Berlin, Frankfurt oder Hamburg sogenannte Mash- Up-Partys scheinen derzeit in der gesamten Republik die Clubs zu erobern. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich kaum von anderen Partyreihen, aber wer genau hinhört, fragt sich irgendwann: Wieso singt Kylie Minogue auf einen Beat von P.Diddy? Und klingt da nicht noch ein Rammstein-Instrumental durch? Kein Track scheint hier so aus den Boxen zu wummern, wie man ihn bisher kannte. DJ Ben Stilller, einer der wenigen deutschen Mash-Up-Künstler, erklärt die Idee dahinter: "Das, was wir machen, ist eine kreative Evolution. Wir denken über Grenzen hinweg." Ganz neu ist das MashUp - K o n z e p t allerdings nicht. Ein Blick auf die Musikgeschichte zeigt: Bei Musikrichtungen wie Hip Hop, Techno und Elektro werden seit jeher Zitate oder Instrumentals aus anderen Liedern genutzt, um daraus neue Werke zu schaffen.


mashup Links Sängerin Kylie Minogue, rechts ehemaliges Beatles-Mitglied Paul McCartney Foto: Michael Maas

Dabei muss allerdings zwischen MashUp und Remix unterschieden werden. Die Neuabmischung von Songs, um eine neue Version eines Musiktitels zu produzieren, ist seit langem als Remix bekannt und in den Clubs etabliert. Bei MashUps hingegen werden unterschiedliche Musikstücke zusammengemischt, und es entsteht eine Art Musikcollage. Ihre Materialien müssen sich MashUp- Künstler dabei vorwiegend selbst aus einzelnen Musikalben 'herausschneiden'. So wird beispielsweise der Gesang von zwei verschiedenen Liedern mit dem Instrumental eines weiteren Stückes vereint.


Bei MashUps werden oft stilistisch weit auseinander liegende Musikstücke gegeneinander gestellt. Die Originalsongs sollen dabei aber ihren Wiedererkenn u n g s - wert nicht verlieren. Auf diese Weise hört das Publikum zwar die liebgewonnen Lieder, wird aber gleichzeitig mit etwas völlig Neuem konfrontiert. Das scheint Par tygäste zu begei s ter n und macht Ma shUps bei Liveshows und in Diskotheken so populär.


Ein Schritt zurück: Im Jahr 2004 löst das so genannte Grey-Album von Brian Burton alias DJ Danger Mouse den MashUp-Hype aus. Auf diesem Album führt der New Yorker das Black Album des amerikanischen Rappers Jay-Z und das legendäre White Album der Beatles künstlerisch zusammen. Obwohl das Album nur in wenigen Läden ausgelegt wurde, erreichte es ungeahnte Popularität, als die Plattenfirma EMI die Verbreitung stoppte. Denn während der Rapper Jay-Z die Acapellas seines Albums nach der Veröffentlichung für Remixe und MashUps zur Verfügung stellte, untersagte das Major Label EMI, welches die Rechte der Beatles- Songs inne hat, die Verwendung.


Die Reaktion der Plattenfirma verursachte etliche Protestaktionen im Internet, durch die sich das Album dort binnen weniger Tage epidemieartig verbreitete. Das führte zu einem Bekanntheitsgrad des Albums, der ohne die Hilfe vom EMI so nicht denkbar gewesen wäre. Die Geschichte des Grey-Albums ist repräsentativ für das Hauptproblem von MashUps: das Urheberrecht der Songs, die in den gemixten Liedern genutzt werden. Jeder Bestandteil eines Musikstückes ist geschützt. Der MashUp-Künstler müsste sich, wenn er Songteile nutzt, die Erlaubnis von jedem Urheber einholen. Das ist im Falle des Grey-Albums nur zum Teil geschehen, und somit hat DJ Danger Mouse illegal gehandelt. Diese Tatsache scheint die MashUp- Szene nicht daran zu hindern, sich auch weiterhin ohne Erlaubnis an geschützten Songs zu bedienen.


Auch Ben Stilller, seit 2008 in der MashUp-Szene aktiv, hatte bereits Probleme mit Plattenfirmen, die seine gemixten Werke im Internet sperren ließen. Er fordert ein neues Urheberrecht und ist der Meinung, dass der Umgang von geschütztem Material, insofern es nicht kommerzialisiert wird, frei verwendbar sein sollte. Ben Stilller wohnt in Siegen, heißt eigentlich David Wessel und ist 26 Jahre alt. Anders als viele seiner Kollegen hat er kein Problem damit, seine wahre Identität preiszugeben: "Wenn man es drauf ankommen lässt, findet man die sowieso heraus." Aufgrund der rechtlichen Schwierigkeiten nutzen viele Künstler im MashUp-Milieu Pseudonyme und bewegen sich vor allem in der rechtlichen Grauzone des Internets. Dort stellen inzwischen immer mehr Labels und Künstler einzelne Musikstücke oder sogar ganze Alben gratis zur Verfügung. Dies sind in den meisten Fällen Künstler wie Jay-Z, die aus der Hip Hop- oder Elektro-Szene stammen und sich der Remix- und MashUp-Kultur deshalb verbunden fühlen. Der Rapper war es auch, der im Jahr 2005 gemeinsam mit der Band Linkin´ Park das kommerzielle MashUp-Album "Numb/Encore" produzierte und den Sprung in die Charts schaffte. Trotz der wachsenden Beliebtheit bleiben die Stücke für viele nur Kopien, die keinen Wert als musikalisch eigenständige Kunstwerke haben.


Ben Stilller, der seine MashUps nicht kommerzialisiert, sieht das anders: "Wir konservieren Bestehendes, damit daraus etwas Neues, Kreatives entsteht." MashUps gibt es aber nicht nur in der Musik - auch in Literatur, Kunst und Film werden derartige Collage-Techniken verwendet. Die schnell voranschreitende Digitalisierung des benötigten Rohmaterials spielt den MashUp-Künstlern dabei in die Arme und bietet viel kreativen Freiraum für Experimente. Ob aber Labels, Verlage oder Produzenten diese Kreativität zu schätzen wissen ist fraglich und so werden Ben Stilller und seinesgleichen wohl auch in Zukunft in den Weiten des Internets Schutz suchen müssen.


Lust auf Musik? MashUps von Ben Stilller stehen unter unter www.mashupgermany.de zum Download bereit.


Von Josephine Thiel und Philipp Brandstädter