Da ist der Wurm drin


Musik, die einen nicht loslässt


Er schleicht sich in der Regel als pfiffige Melodielinie oder eingängige Textpassage an. Doch nach meist nur geringer Inkubationszeit wird aus dem schönen Lied im Kopf fast schon eine Qual. Die Rede ist vom Ohrwurm. Morgens im Bad läuft Womanizer von Britney Spears und spätestens nach dem Kämmen der Metal-Mähne hat der Iron Maiden-Fan das Lied des süßen Popsternchens im Ohr. Im Auto auf dem Weg zur Arbeit erwischt er sich pfeifend am Steuer und ganz allmählich wird die Blase, die das “oh womanizer oh oh” in seinem Sprachzentrum einnimmt, größer. Steigt da etwa die erste Wut hoch? Verflixt, wo ist die Black Sabbath-CD?


Für die Umwelt ist das alles aber bis zu diesem Zeitpunkt nur halb so schlimm. Kritisch wird es allerdings nach den ersten 15 gesummten Refrains im Büro. Nun wird der sonst so liebenswerte Protagonist in diesem Szenario zur Gefahr für seine Kollegen, ist er doch jetzt brandgefährlicher Ansteckungsherd. “Was summst du denn da die ganze Zeit?” - und zack: Britney Spears im Kopierraum, in der Kantine, auf der Toilette und in der Chefetage! Unaufhaltsam springt der Ohrwurm auf die nächsten Opfer über. Besonders spannend ist das Phänomen bei Klassikern der Musikszene. Die Hits der 70er und 80er sollten zum Großteil vor der Zeit vieler Leser liegen, denkt man an Kiss, die Bee Gees, Genesis oder die Village People. Sie sind von vielen dennoch problemlos mitzusummen. Schuld daran sind meistens die langen Fahrten zur Tante zweiten Grades gepaart mit dem elterlichen Autoradio. Auf diesen Reisen wurde damals die Basis für die Ohrwürmer von heute gelegt.


Der mieseste und hinterlistigste Typ von Ohrwurm stammt jedoch aus den Genres Après-Ski- und Mallorca-Hits. Gefühlte zehn Sekunden bei offenem Fenster an der falschen Ampel reichen aus und schon ärgert man sich den halben Morgen über die musikalischen Genusstropfen aus Deutschlands 17. Bundesland. Hier liegt das Aggressionspotenzial von Mitarbeitern oder Kommilitonen übrigens besonders hoch, da sich Ohrwürmer dieser Kategorie sehr schnell verbreiten und dabei noch nervenaufreibender sind. Nach kurzer Zeit schon könnte man da den ganzen Hörsaal im Kanon den omnipräsenten Schlager pfeifen lassen. Speziell die vergangenen Monate waren aber für ohrwurmanfällige Menschen eine besonders schlimme Zeit. Den Startschuss lieferte bereits der Eurovision Songcontest, der eigentlich als Musikfeier gedacht war. Doch spätestens nachdem Lena ihren Song am Ende wiederholen durfte, war halb Deutschland angesteckt. “Love oh love” schallte es einem von der Verkäuferin im Supermarkt sowie vom Professor auf dem Uni-Flur entgegen. Da kann der eigene Lieblingssong schnell zum Nervtöter werden. Der bisherige Höhepunkt wurde aber mit der Fussballweltmeisterschaft in Südafrika erreicht. Viele der Hymnen noch vom Sommermärchen im Ohr, verbreitet sich das “´54, ´74, `90, 2010” wie ein Lauffeuer. Besonders wenn dann noch Shakira einen so eingängigen WM-Song beisteuert, ist der musikalische Super-GAU für viele perfekt.


Von Sven Mechelhoff