Von der Pommesbude in die Unterwelt


Ein Student erobert die Katakomben Roms


Unterirdischer Gang der Domitilla-Katakombe.

Ein kühler Luftzug streicht über die Haut. Ein leicht modriger Geruch steigt in die Nase. Rundherum Dunkelheit, nur die kleinen, schwach gelblich glimmenden Funzeln an der Decke weisen den Weg – hinein in Roms Unterwelt. Ein 17 Kilometer langes Labyrinth aus engen steinernen Gängen, die letzte Ruhestätte für mehr als 150.000 Tote, deren Überreste in den unzähligen Gräbern und steinernen Sarkophagen seit Jahrhunderten schlummern.


Das sind die Katakomben von Domitilla, eine der größten unterirdischen Begräbnisstätten Roms - und gleichzeitig Niko Wagenseils Arbeitsplatz. Der 24-jährige Student aus Hannover verbrachte ein halbes Jahr in der ewigen Stadt und führte Tag für Tag Touristen durch die Unterwelt Roms. So skurril diese Auslandserfahrung klingt ist auch ihre Entstehungsgeschichte. „Seinen Anfang nahm alles im sonnigen Münster in einer Pommesbude, in der ich arbeitete. Einer der Angestellten, der bereits selbst den Katakomben-Job gemacht hatte, erzählte mir, dass jemand für deutsche und englische Führungen in der Domitilla- Katakombe in Rom gesucht werde.“


Und wer bleibt schon in einer Pommesbude zwischen Friteuse, Fett und Wurst, wenn man sein Geld als Katakombenführer in einer der schönsten Städte der Welt verdienen kann? Zwei Monate später fand er sich mitten in Rom beziehungsweise unter Rom wieder. „Die Katakomben sind traumhaft. Draußen 40 Grad, und dann geht man runter in die Katakombe und da herrschen dann angenehme 17 Grad mit neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit.“


Sechs Tage die Woche, maximal zehn Mal am Tag, ging es hinab in die kühlen und dunklen Gänge der Domitilla-Katakombe, jeweils 30- minütige Führungen auf Englisch oder Deutsch durch den frühchristlichen unterirdischen Friedhof. „Die ersten drei Tage bin ich bei anderen Führungen mitgelaufen und habe zugehört. Dann hatte ich meine erste Führung mit einem Ehepaar aus den Staaten und es lief echt gut.“


„Ich kann jetzt also fluchen und Essen bestellen.“


Die Führungen auf Englisch zu halten war leichter als Niko gedacht hätte. Stattdessen stellten die deutschen Führungen eine größere Hürde dar: „Den ersten Monat hatte ich nur englische Führungen. Als ich dann meine erste auf Deutsch hatte, war das schon eine Herausforderung. Ich musste die ganze Zeit, das, was ich sonst auf Englisch erzählt habe, eins zu eins erst im Kopf auf Deutsch übersetzen.“


Die anfänglichen ‚Deutsch-Probleme’ ließ Niko aber schnell hinter sich und so erklärt er sogar eine Führung mit deutschen Touristen zu einer seiner Lieblingsführungen. „Mein Chef rief mich morgens zum Kassentresen am Eingang der Katakombe zu einer Führung und da stand dann überraschenderweise ein ehemaliger Lehrer mit seinem Lateinleistungskurs vor mir.“


Wie es der Zufall so wollte, kam dieser Lehrer einen Monat später prompt mit der Hälfte des gesamten Lehrerkollegiums wieder. „Die Führung war eine der besten, zumal meine alte Religionslehrerin für alle möglichen Fragen herhalten durfte und sie mit Bravour meisterte.“ Abends und an den freien Tagen hieß es die Katakomben hinter sich zu lassen und sich in das aufregende Rom über Tage zu stürzen, das trotz seiner kostspieligen Macken den 24-jährigen Studenten jeden Tag aufs Neue beeindruckte.


„Diese Stadt ist einfach imposant und auch wenn es nach kurzer Zeit bereits zum Alltag gehört, ist es doch immer wieder was Besonderes, an diesem gigantischen Kolosseum vorbei zu gehen.“ Trotz seiner Schönheit bot Rom natürlich auch Lärm, Stress und Durcheinander, so dass Niko auch gerne mal etwas Ruhe suchte – zum Beispiel auf einem der vielen römischen Friedhöfe.


Insgesamt war es ein angenehmes Leben, welches der Student in seiner Zeit in Italien verbringen durfte. Kostenloses Wohnen direkt über den Katakomben, Ausflüge nach Florenz und ans Meer, gutes Trinkgeld und wenn die Touristen mal weg blieben, „saß man faul im Garten, genoss die Sonne und spielte Gitarre oder ‚Mensch ärgere dich nicht‘.“


Einzig seine Italienisch-Kenntnisse blieben in Rom etwas auf der Strecke, was daran gelegen haben könnte, dass die Sprachschulen während seines Aufenthalts mitten in der Sommerpause steckten. „Somit kam ich erst die letzten beiden Monate ans Lernen. Ich kann jetzt also fluchen und Essen bestellen.“ Sprachkenntnisse hin oder her, für Niko Wagenseil war die Zeit in Rom, unter Tage wie über Tage, eine der aufregendsten in seinem Leben.


„Ich habe viele neue Leute kennen gelernt, zu denen der Kontakt immer noch besteht, auch wenn wir uns nur selten sehen. Ich durfte die italienische Leidenschaft fürs Autofahren jeden Tag live miterleben und letztlich kam ich auch mit mehr Geld in der Tasche zurück als ich hingefahren war“, erzählt Niko.


Von Laura Janke