Nach der Prüfung: Anruf bei Mutti!


Studie mit Aha-Effekt für alle, die den Absprung von Zuhause schon geschafft haben. Wie amerikanische Wissenschaftler herausgefunden haben, wirkt nach stressigen Prüfungen allein schon ein Telefongespräch mit Mama wie eine Umarmung. Es gibt also doch einen Vorteil durch den grenzenlosen, mütterlichen Einfluss.


Clara Herrmann (21)
Anna Hergarten (21), Schulmusik

" Wenn wir beruhigt werden wollen,
rufen wir Mama an. Die schafft das
einfach in jeder Situation. Danach
fühlen wir uns gleich besser.
Jens Adema(24)
Wirtschaftsingenieurswesen

"Ich habe meine Mutter nach einer Prüfung noch nie angerufen. Aber ich glaube schon, dass mich das wieder runterholen könnte."






























Von wegen Muttersöhnchen, eher cleveres Kerlchen! Wer bisher all diejenigen belächelt hat, die nach der Klausur bei Mutti anrufen, um sich von ihr gut zureden oder trösten zu lassen, sollte in Zukunft lieber selbst zum Hörer greifen. Denn wie die Forschergruppe um Leslie Seltzer von der University of Wisconsin-Madison herausgefunden hat, sorgt allein schon die Stimme der Mutter für eine erhöhte Ausschüttung des als Liebeshormon bekannten Oxytocins. Gleichzeitig lässt die mütterliche Zuwendung den Kortisol-Wert sinken, der durch Stress ansteigt.


Seth Pollack, Psychologieprofessor und Mitwirkender in dem Forschungsprojekt, sagt: "Jahrelang habe ich meine Studenten nach Prüfungen dabei beobachtet, wie sie sofort zum Handy griffen, und mich stets über die überbesorgten Eltern gewundert, die dieses Verhalten ermutigten. Doch jetzt? Vielleicht ist es einfach nur ein schneller und schmutziger Weg, sich besser zu fühlen."


Dass das beruhigende Hormon Oxytocin durch körperliche Berührungen freigesetzt wird, galt wissenschaftlich bereits als erwiesen und ist über die besonders innige Mutter- Kind-Bindung hinaus auch für die Bindung zwischen Paaren bekannt. Dass derselbe Effekt aber auch ganz ohne den wie bisher angenommen zwingend erforderlichen Körperkontakt entsteht, ist völlig neu. "Eigentlich ist es schwer, den Oxytocinwert in die Höhe zu treiben. Umso spannender die Entdeckung, dass ein einfaches Telefonat diesen enormen, psychologischen Effekt auf den Oxytocinspiegel hat", sagt Seltzer.


61 Mädchen im Alter von sieben bis zwölf Jahren hatten sich für die Studie einer stressigen Prüfungssituation ausgesetzt. Vor wildfremdem Publikum mussten sie Sprachtests durchlaufen und Rechenaufgaben lösen. Resultat war bei allen Mädchen ein deutlich erhöhter Wert des Stresshormons Kortisol, das durch einen Abstrich auf der Zunge sofort nach der Lampenfieber erzeugenden Situation gemessen wurde. Spannend am Versuchsaufbau war die anschließende Betreuung der drei gleich großen Mädchengruppen. Ein Drittel der Kinder durfte direkt in die kuschelnden Arme der Mutter, das zweite Drittel bekam einen Anruf von ihr. Dem letzten Drittel der Mädchen blieb der Kontakt zur Mama untersagt. Sie sahen nach der stressigen Prüfung lediglich einen gefühlsneutralen Film, den auch die anderen zwei Gruppen nach ihrem 15-minütigen Mutterkontakt schauten.


In regelmäßigen Abstanden wurden nach der Prüfung sowohl der Kortisol-Wert aller Mädchen gemessen als nun auch der Wert des Kuschelhormons Oxytocin im Urin. So konnte die Entwicklung des Hormonspiegels verfolgt werden. Es stellte sich heraus, dass die Mädchen, die nach der stressigen Situation mit ihren Müttern kuscheln oder telefonieren durften, im Vergleich mit den anderen Mädchen das Stresshormon schneller abbauten, wobei sich der Pegel bei den Kuschelnden am schnellsten senkte. Was die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin jedoch betraf, wiesen diese beide Mutterkontakt- Gruppen im Gegensatz zu der Film schauenden Gruppe gleiche Werte auf, und das Hormonlevel hielt auch gleich lange an. Bei der Filmgruppe veränderte sich der Oxytocinspiegel während des Versuchs hingegen gar nicht. Die besondere Erkenntnis der Wissenschaftler: Der Effekt der beruhigenden Wirkung war also bei den telefonierenden Mädchen genauso groß wie bei der Kuschelgruppe. Ein Telefonat mit der Mutter wirkt also wie eine Umarmung - gleich wohltuend und beruhigend. Die Studie legt die Annahme nahe, dass neben Berührungen, die Ansprache in zwischenmenschlichen Beziehungen genauso wichtig sein könne.


Leslie Seltzer, Anthropologin, erklärt weiter, dass diese Wirkung vor allem weiblich sei. Evolutionsbiologisch gesehen, mache die Kraft der weiblichen Stimme auch Sinn.


"Mamis Stimme wirkt wie eine Umarmung."


Waren die Frauen in der Steinzeit durch Kleinkinder oder gar Schwangerschaft nicht in der Lage, schnell wegzulaufen, wenn die Männer auf der Jagd waren und plötzlich ein Feind vor der Höhle auftauchte, so blieb ihnen nur der Versuch, den Gegner durch Zusprache zu besänftigen, um die Situation zu entschärfen.


Bleibt zu klären, ob nicht auch eine einfache SMS denselben Effekt hat, oder ob die Stimme der limitierende Faktor ist. Wir dürfen gespannt sein, denn die Forscher aus Wisconsin bleiben dran und gehen der Sache weiter auf den Grund.


Wie gut also, dass Mama uns in der Hand hat! Klingelingeling.


Von Eva Peters